Sich den Projektionen entgegen stellen


…Diese Art von ermutigendem Gespräch erleichtert es oft, herauszutreten und seine Arbeit zur Disposition zu stellen. Das interessiert besonders Barbara Naegelin in “Der Schmetterling”.
Auf der dunklen Bühne erschien, in schwachem Licht kaum sichtbar, eine einsame Gestalt. Und wo sie Stirn und Brust hinhielt, fing sie die Projektion einer Schrift auf – Begrüssung und Bekenntnis: “Hallo! Ich habe Angst im Dunklen.” Nur indem sie sich dieser Angst entgegenstellte, wurde die Performende sichtbar. Da stand sie also, als die Tonspur einsetzte: innere Stimmen, Einflüsterungen, Versagensängste, Spekulationen über die Missgunst des Publikums, erbarmungslose Selbstzweifel und Gewissensprüfung. Wedelnde Handbewegungen liessen nun die Köpfe sichtbar werden, kleine Barbara Naegelins, die sie wie die griechischen Winde umschwärmten. Und je mehr sie diese zu verscheuchen suchte, desto deutlicher erschienen sie. Es war eine Art Jonglieren, ein System, das stete Anstrengung nur in der Schwebe hielt – und doch hielt sie Stand und sammelte die Kraft zu einem innigen kleinen Schlusslied: “Butterfly, flying high…”: im Singen Mut fassend deutet sich ihr Wedeln um – irgendwo zwischen fahrig und tänzerisch – als Anlauf zum Fliegen. Der innere Dialog einer Exponierten wurde so zu einer Erzählung auch darüber, wie und wo Kunst entsteht.
Annina Zimmermann aus “Human Performance”, 2004, Benteli Verlag