«A Soap Opera Show Machine House» _ Details



A Soap Opera Show Machine House
Sie befinden sich in einem gutbürgerlichen Haus in einem Basler Wohnquartier. Was hier geschieht oder geschehen ist, findet sich in Spuren, die von Künstlerinnen und Künstlern in den zahlreichen Zimmern gelegt wurden. Es kann sein, dass Sie beim Betreten eines Raumes jemanden vorfinden, der sich gerade die Beine epiliert oder Selbstgespräche führt. Vielleicht hören Sie aus verborgenen Quellen Geräusche, die von der Präsenz einer ehemaligen Bewohnerin des Hauses zeugen. Oder Sie betreten ein Zimmer, in dem aus verschiedenen Monitoren Figuren zu Ihnen sprechen: Menschen, die von Beziehungen erzählen oder von ihren Vorstellungen, wie das Leben eigentlich zu sein hätte. Womöglich fesselt Sie plötzlich eine Emotionsmaschine oder Sie landen in einem düsteren Kammerkonzert...

Sie befinden sich am Schauplatz einer angeblich seit zehn Jahren laufenden, fiktiven Seifenoper. Es ist die letzte Episode. Zehn eingeladene Kunstschaffende resp. Künstlergruppen realisierten innerhalb des populärkulturellen Systems Soap Opera eine Arbeit für die Villa Renata in Basel. Die Installationen sind eigens für die jeweiligen Räume konzipiert. Das verschafft dem Haus selber einen Auftritt als Charakter mit vielen Türen. Als durchzappender Gast wird das Publikum selber Teil der ins Dreidimensionale montierten Erzählfragmente. Wie viel Intimität erträgt die Kunst? Wie viel Rätsel? Wie viel Theater und wie viel Pop? Wie können diese zwei Formate, die Fernsehserie und die Kunstausstellung, vermählt werden? Die Kunstschaffenden kommen aus den Bereichen Bildende Kunst, Theater, Musik und Literatur.

Mit: Ariane Andereggen, Basel / Miriam Bajtala, Wien / Marianne Halter & Mario Marchisella, Zürich / Kollektiv JETPACK BELLERIVE: Samuel Stoll, Berlin; Noëlle-Anne Darbellay & Francisco Sierra, Cotterd / Erica Magrey, New York / Les Reines Prochaines: Michèle Fuchs & Fränzi Madörin & Muda Mathis & Sus Zwick, Basel / Nelly Maurel, Paris / Patricia Nocon, Basel / Elodie Pong, Zürich / Max Philipp Schmid, Basel.


Resüme:

Die Anlage – Die „Soap“:
Das kuratorische Konzept bot den teilnehmenden Kunstschaffenden grösstmögliche Freiheiten in der Umsetzung. Einschränkungen, resp. Rahmenbedingungen ergaben sich einzig aus dem Plot (dass es die letzte Episode einer fikitven WG-Soap sei mit den Figuren Emma, Leo, Kurt, Liliane) und der jeweiligen Raumgrösse. Die Künstler_innen hatten zudem kaum Kenntnisse über die für dieses Projekt entwickelten Werke der anderen Beteiligten.
Dass zehn renommierte Kunstschaffende, resp. Künstler_innen-Gruppen für diese Ausstellung eine neue Arbeit - teilweise vor Ort – entwickelten und realisierten, betrachte ich als großes Geschenk. Dieser Umstand macht das Projekt meiner Meinung nach einzigartig.

Die teilnehmenden Kunstschaffenden haben auf sehr unterschiedliche Weise auf diese Vorgaben reagiert. Wenn man die Türen zu den einzelnen Zimmern öffnete, betrat man unversehens sehr eigenwillige Bildwelten und künstlerische Sprachen. Aus kuratorischer Sicht war dieser Umstand, der sich erst sehr kurz vor der Eröffnung der Ausstellung in voller Pracht offenbarte, zunächst beunruhigend. Wie soll sich dieses Gesamtkonzept für die Besucher_innen des Hauses erschließen? Kann es überhaupt einen Zusammenhang geben? Einen roten Faden? Durch ein unkonventionelles Beschriftungskonzept konnten wir eine Lösung für dieses Problem finden: Auf jeder Zimmertür stand ein von Hand geschriebener Satz. (Beschriftungen von Nelly Maurel) Darin sollte mindestens einer der Namen der „Soap-WG-Bewohner_innen“ vorkommen und so eine Verbindung zwischen der Rauminstallation und dem Konzept herstellen. Dieser Satz wurde von den Künstlerinnen selbst verfaßt. Die Zimmertüren mußten stets geschlossen sein. Auf den Türrahmen standen die Namen der jeweiligen Kunstschaffenden, resp. Künstlergruppe, sowie Angaben zur Dauer der Videos und/oder Audiospuren.
So trafen die Besucher_innen der Ausstellung als erstes auf eine geheimnisvolle Situation in den Vorräumen des Hauses: geschlossene Zimmertüren, die mit weißen, rätselhaften Beschriftungen versehen waren. Diese Anlage hatte den Effekt, daß die Ausstellung im Haus als Ganzes wahrgenommen werden konnte, obwohl die einzelnen Arbeiten kaum gegenseitige Referenzmöglichkeiten boten. Im Foyer hing ein kleines Plakat mit dem Hinweis, daß die Villa der Schauplatz einer fiktiven Soap gewesen und diese Ausstellung nun deren letzte Episode sei. Außerdem lag ein Saaltext auf mit kurzen Statements der Kunstschaffenden zu ihrem jeweiligen Werk. Diese beiden vermittelnden Elemente halfen den Besucher_innen, sich im Haus und in den gezeigten Arbeiten zurecht zu finden.

Die Führungen
Ein weiteres, sehr wichtiges Element für die Vermittlung waren die drei sonntäglichen Führungen durch die Ausstellung. Sie wurden von Guides, die aus sehr unterschiedlichen künstlerischen Bereichen kommen, durchgeführt. Am ersten Sonntag waren dies Tobias Brenk zusammen mit Anna K. Becker, beides Dramaturgen_innen. Sie haben die Ausstellung unter dem Blickwinkel der „Narrations-Expert_innen“ betrachtet und aus dieser Perspektive Verbindungen zwischen einzelnen Arbeiten hergestellt. Ein weiterer Fokus lag auf den performativen Elementen in den einzelnen Werken; sei es innerhalb der künstlerischen Arbeit, aber auch als Auswirkung auf das Verhalten der Besucher_innen. Eine Kunstausstellung aus Theatersicht zu betrachten, bot einen erhellenden und überraschenden Zugang.
Am zweiten Sonntag führten Chris Regn und Heinz Stahlhut durch das Haus. Die beiden Guides haben bei jeder Arbeit einen soap-spezifischen Aspekt hervorgehoben. Die Künstlerin Chris Regn war punktuell an der Arbeit der Gruppe Les Reines Prochaines beteiligt und hatte sich daher schon im Vorfeld intensiv mit der Thematik und Geschichte von Soap-Operas befaßt. Sie konnte deshalb aus einem Fundus an Wissen über Zopfdramaturgie, politischer Wirkung, feministischer Auslegung und natürlich aus populärkulturellen Erfahrungen schöpfen. Heinz Stahlhut hat als Kunsthistoriker beispielsweise auf die ersten Fortsetzungsgeschichten hingewiesen, die offenbar bereits schon in den ersten Zeitungen veröffentlicht wurden. Seine Hinweise zur mediengeschichtlichen Herkunft des Formats und seiner Nebeneffekte, wie beispielsweise der Filmmusik, stellten eine Verbindung der ausgestellten Werke untereinander wie auch zum Gesamtkonzept her. Die vordergründig triviale Anmutung der kuratorischen Anlage und auch des Titels bekam mit dieser Führung einen seriösen Unterbau.
Am dritten Sonntag durfte man die Schriftstellerin und Künstlerin Birgit Kempker durch die Räume und in die Arbeiten wortwörtlich hinein begleiten. Wie ein Medium legte sie geisterhafte Spurenelemente der einzelnen Werke frei, um sie dann gleich auch zu deuten. Wo ist die Seife? Ist das sauber? Als Begleiter ihrer Performance hatte sie ein Bündel Handpuppen bei sich, die sie sozusagen als Ko-Beobachter befragte. Was geschieht mit einem, wenn man in die Kunst hineingeht; wenn man mimetisch auf Bilder reagiert, ertönende Worte nachspricht? Liesse sich so jedes Kunstwerk erschließen? In gewisser Weise hat Birgit Kempker unter Beihilfe all ihrer Sinne „in Zungen geredet“, das heißt auch mitgesungen, mitgetanzt, Grimassen geschnitten, geschrien, geflüstert, usw. und damit einen zusätzlichen Deutungsfilter über die Ausstellung gelegt.
Wer alle drei Führungen miterlebt hatte, bekam ein höchst angereichertes Ausstellungserlebnis.

Die Seife
„Das Programmformat der Daily Soap hat seinen Ursprung im US-amerikanischen Radio. Die morgens ausgestrahlten Daytime Serials sollten Hausfrauen als Konsumentinnen gewinnen. Das Konzept basierte auf der industriegesellschaftlichen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in den USA in der Mitte des 20. Jahrhunderts, als sich die Zahl nicht erwerbstätiger Hausfrauen auf ihrem Höhepunkt befand. Entsprechend entwarf man die Familienserien für die Wünsche und Interessen der weiblichen Hauptzielgruppe. Innerhalb einer Folge gab es mehrere Werbeblöcke, in denen die Artikel der Waschmittelhersteller dominierten.“ (Wikipedia)
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee einer passenden „Produktplazierung“ innerhalb der Ausstellung. Ich habe deshalb die Firma Held um ein Sponsoring angefragt und bekam für das Projekt eine großzügige Materialspende in Form von 300 Kernseifen. Die Besucher_innen der Ausstellung durften sich aus dem Seifenberg bedienen. Für die Verpackung der Seifen suchte ich nach einem umweltverträglichen Material, zumal die Marke Held für ökologisches Bewußtsein steht. Die Lösung bestand darin, sie mit alten Stoffen (vornehmlich Bettwäsche) aus dem Brockenhaus einzupacken und mit einem Schriftzug „Oh! That is so Soap!“ zu versehen. Der in die Seife eingeprägte Schriftzug „Held Kernseife“ ergänzte das Projekt mit feiner Ironie: Das Wortspiel paßte meiner Meinung nach perfekt zum Ausstellungstitel und erinnerte an den so genannten „Serienhelden“.