ZERSTREUUNG



Manche Sachen sehen aus, als wären sie da, um sich auf einen unsinnigen, einen ironischen oder auch ganz kommunen Namen taufen zu lassen. “Der Ventilator im schönsten Kleid” gehört dazu, „Die Gruppe“ oder: “Der erbärmliche Rettungsring”. Dieser umfasst eine gebogene Schaumstoffleiste – als wollte er zeigen, dass auch rohe Weiden das Zeug haben für gesockelte Kunst. Andere verformen, was wir im Wortlaut zu kennen meinten und umschmeicheln das Selbstverständnis von Bastel, Hobby- und Haushaltsgegenständen mit einem Hauch des Absurden.
Die Kombinatorik der Materialien und Dinge, die voller Lust am Erzählen ein surreales Vokabular aufrufen, entspringen Augenblicken des Halbbewussten. Der kurze Übergang zwischen Wachen und Schlafen etwa entlässt Bilder aus der Erinnerung, ohne sie funktional festzuzurren oder in einem System von Bewertungen voreilig zu verwerfen. Barbara Naegelin selbst sah sich im Spiel mit den Dingen an die unzensierte „Ecriture automatique“ erinnert; sie habe an Meret Oppenheim gedacht und an Erwin Wurm. Auch Fischli & Weiss sind nicht weit. Wo das gezielte Suchen aussetzt und einem assoziativen Denkraum Platz macht, hat sie angefangen. Manche Bilder seien einfach so aufgetaucht. Wie eine feinstoffliche Handlungsanweisung hat sie sie aufgenommen, um ins Material zu gehen – oder ist umgekehrt ins Material gegangen, um jenen absichtslosen Zustand hervorzurufen und in der Gegenständlichkeit ihre Fragen anzusiedeln: Ob nicht das weit verbreitete Heckengrün der Thuja statt Sichtschutz und Gartenhag auch Fenster und Öffnung sein kann? Ob, wenn die Kerzenspiralen knicken, das Heftpflaster sie in rosa Finger verwandle? Das Körperliche bleibt nahe: Stoffherz, Schafhaar, Handschuhe; Vogelfeder, tote Fliegen, Hüftknochen im Röntgenbild.
Es gab – durchaus als Korrektur und Ausgleich zur Arbeit, die Barbara Naegelin täglich über Stunden an den Bildschirm fesselt, eine Lust am Taktilen und eine Dringlichkeit, Dinge in die Hand zu nehmen. Der Rohstoff ihrer Assemblagen lagerte grösstenteils schon lange im Atelier. Er stammt aus Brockenstuben oder aus der frühen Ausstattung der elterlichen Wohnung. Ein bisschen Nostalgie und viel Nonchalance machen den haptischen Zugriff auf die Assoziationen der Dinge möglich. Doch die Installation trüge nicht wirklich die Signatur von Barbara Naegelin, wenn nicht eine Tonspur (hier: in sechs Kanälen) einzelnen Körpern einen teils übergeordneten, teils individuellen Puls mitgäbe. Fragen wir nicht, was es bedeutet, so viele Charaktere angemessen und diskret zu vertonen.
Die Zeichnungen, die in den ausgedienten Schallplattenständer eingreiht sind, können wir nehmen, wie wir möchten: Als Alternative zu diesem Saaltext, als Dokumentation oder als Entwürfe, die der Umsetzung wie Halluzinationen vorausgegangen sein könnten. So oder so lenken sie rückseitig zu jener Sprache, der Barbara Naegelin zu ihrer offenen, möglicherweise nicht mehr endenden Arbeitsform motivierte: „Bei Regen im Saal“ (2014) heisst das Buch, das noch der banalsten Situation eine emotionale Entzündlichkeit nachweist. Wilhelm Genazino Naegelins Alter Ego, das den äusseren Anschein mit einer inneren Gestimmtheit verkuppelt. „Wieder hatte ich das Gefühl, dass sich die Wirklichkeit zu stark an mir verausgabte.“

Isabel Zürcher, Oktober 2016