«Ich ist eine Band» _ Text von Annina Zimmermann

Die Videos von Barbara Naegelin schaut man nicht wie einen Film. Es sind Versuchsanlagen: Bald tritt die Künstlerin, bald das Publikum selbst ins Feld der Projektionen ein. Wie entsteht Identität, im Gewitter von massenmedialen Vorbildern, familiären Prägungen und Selbstansprüchen? Zum Thema dieses «Ichs» multipler Autorschaften und widersprüchlicher Ambitionen zeigen wir drei neue Videoinstallationen, die auf Wunsch der Künstlerin ergänzt wurden mit einer Ausstellung von Hurter-Urech und einer Performance von Butch & Baumann.

Den drei Videoinstallationen gemeinsam ist ein experimenteller Umgang mit der Projektionstechnik. Barbara Naegelin lässt das Bild im Raum wandern, integriert die Schatten der Betrachter/innen ins Bild oder lässt die Projektion über mehrere Spiegel reflektiert den Raum füllen. Die drei verschiedenen technischen Kniffs im Umgang mit Bildprojektion und Tonspur involvieren das Publikum und versetzen es in Bewegung. Thema der drei Arbeiten sind Auffassungen und Variationen über die Erfahrung des "ich".

«Ich ist eine Band», rotierende Single-Channel Projektion, 2010/11
Der erste Raum ist leer bis auf einen Sockel in der Raummitte. Projizierte Bilder gleiten über die Wände und bauen einen scheinbar kongruenten physischen Raum auf, der den realen Raum überlagert. Der Lichtkegel des Projektors schleicht dabei wie ein Suchscheinwerfer im Dunkeln den Wänden entlang: Er scheint zu beleuchten und abzutasten, was er tatsächlich erst als Bild entstehen lässt. Scheinbar mühelos füllt sich der leere Raum mit Mensch, Instrument, Mobiliar. Die Bilder zeigen auf den verschiedenen Wänden Mitglieder einer Popgruppe.

Sie sind alle rein äusserlich dieselbe Frau - die Künstlerin selbst. Ihr Bild als Protagonistin ist dabei unstet; es flieht über die Wände, taucht auf und vergeht in unterschiedlicher Pose, Skalierung, Körperhaltung und -ausstrahlung. Die Persönlichkeit der Performerin scheint sich in verschiedene Aspekte zu teilen, die nacheinander den Ton angeben und sich dabei manchmal in Harmonie finden und manchmal gegenseitig die Show stehlen. Der Klang ist immer da, während verschiedene Rollen und Instrumente im Licht erscheinen und im Dunkel wieder untergehen.

Langsam nimmt ein Song Gestalt an. Auch die Lyrics nähren sich dabei an Barbara Naegelins nun schon länger andauernden künstlerischen Recherche zur Glücksfindung und Konzeption des Selbst. Dabei entwirft sich ein Bild eines Ichs, das keine bleibende und kompakte Kontur hat, vom einen ins nächste morpht, vergnügt kakophonisch, aber auch voller Sehnsucht, ein Ganzes zu bilden. Wo hört die Person auf - mit der Körpergrenze? Dem Radius der Stimme? Oder bin ich präsent, wo einer an mich denkt? Ist das "ich" eine Wolke von Informationen?

Oder ein Duft? Ist es untrennbar Anteil einer Welt, die es in der Wahrnehmung überhaupt erst herstellt? Und wie überkreuzen sich die Wahrnehmungen anderer in einer Person, wie entsteht so etwas wie "Image" in der Vorstellung vieler? Für solche Überlegungen bietet sich die Künstlerin - nicht zufällig in der Gestalt einer Popsängerin - als Projektionsfläche an.

«Ich ist Du», interaktive Videoinstallation, 2010/11

Nebenan bestrahlt ein Videoprojektor die Stirnwand des Raumes. Zwischen dem Projektor und der Wand steht ein Stuhl mit Kopfhörer. Wir sind eingeladen, uns zu setzen und als Schatten ins Bild einzuzeichnen. Anders als im Kino, wo man sich rasch vergisst, bleiben wir so stets konfrontiert mit diesem Umstand der eigenen Präsenz.

Das Video aus abstrakten Lichtimpulsen und Animationen wird begleitet von der suggestiven Stimme des Physikers Prof. Hans-Peter Dürr, der über die Existenz oder Inexistenz von Materie spricht. Dürr erläutert seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Ich oder das Du, über die Gravitation und die Elementarteilchen auf seine eigentümliche Weise. Er spricht frei mäandrierend in einer Alltagssprache über sehr komplexe Sachverhalte. Sein Sprachduktus ist dabei stark geprägt von seinem Alter und Herkunft und einer charakteristischen Zugewandtheit zu den Zuhörern, welche die Abstraktheit seiner Ausführungen schon fast humorvoll kontrastiert. Die Bilder versuchen dabei nicht, die Ideen von Prof. Dürr zu illustrieren: Seine Worte und Stimme dienen als musikalische Impulse für die Aktionen auf der Bildebene.

Zu Beginn tritt die Künstlerin selber im Video auf und setzt sich für die Dauer des Videos als Gegenüber in den Schatten des Betrachters. Für den Betrachter im Stuhl bleibt sie unsichtbar (es sei denn, er legt es darauf an und sucht sie.) Für die Umstehenden wird sie als unscharfe Projektion auf dem Rücken des Sitzenden präsent. Dürr denkt über die unscharfe Begrenzung zwischen ich und du nach, streng logisch, aber in ihrer Auswirkung auf den Alltag auch sehr verwirrend. Die Videoinstallation offeriert ein Erlebnis solcher mentaler und physischer Überlagerungen.

«Es», Videoinstallation, 2001/11

«Es» ist eine poetische Hommage an den Hund der Familie, den jeder Nationalfeiertag in existenzielle Angst versetzt.

Die Aufnahmen sind für eine Projektion in der Basler Ag¬glomeration entstanden („Helle Nächte“, 2001). Die Single Channel Arbeit verarbeitete eine familiäre Tragödie inmit¬ten gepflegter Gärten, Rasen und Rabatten und wurde am Wochenende nach dem Anschlag auf das World Trade Center gezeigt. Der Einbruch von Angst in die Idylle war damals das dominante Thema.
Für die neue Installation hat die Künstlerin nun die Aufnahmen des Hundes isoliert und über Spiegel reflektiert den Raum ergreifen lassen. Das Zittern des Wesens ist omnipräsent. Es liegt jenseits jeder Ratio und Gewissheit. Ein Ich, das nicht mehr oder noch nicht relativieren kann.

Kollaborationen:
Kamera: Iris Beatrice Baumann. Animationen: Jay Voellmy.
Ausstellungskonzept in Zusammenarbeit mit Nic Bezemer und Annina Zimmermann.

Die Video-Installation "Ich ist eine Band" wurde realisiert mit finanzieller Beteiligung des Fachausschusses Audiovision und Multimedia BS/BL im Studio der VIA in Basel.